Schon wieder was gekauft ? – Wenn das Verlangen nach dem Kauf zur Sucht wird

Kennen Sie das? Sie wollen unbedingt etwas kaufen – ein Paar neue Schuhe, die Sie gesehen haben oder die Uhr, die letztens in der Zeitschrift abgebildet war – und dann sind Sie glücklich, wenn Sie sich diesen Wunsch erfüllt  haben und einkaufen waren? Was aber, wenn dieses Bedürfnis nicht zur Ruhe kommt und Sie immer wieder und wieder etwas Neues kaufen müssen? Ein Teufelskreis für Betroffene.

Auf der einen Seite ist die Lust am Trend, neuer Mode, dem Wunsch nach moderner Ausstattung, dem neuesten Handy, Fernseher, Auto. Es bedeutet up-to-date zu sein, mitreden zu können, etwas darstellen zu können, Bewunderung zu erhalten, von Außen bestätigt zu werden. Und natürlich auch der Kauf selbst: Etwas ausgegeben und etwas Neues besitzen zu können. Gleich eine Kaufsucht? Nicht immer.

Auf der anderen Seite ist da die tatsächliche Kaufsucht oder der Kaufzwang da, der dazu antreibt, immer wieder etwas Neues anschaffen zu müssen, nicht zur Ruhe zu kommen, nicht zufrieden zu sein ohne dem kurzen Kick des Kaufes, des Bestaunt Werdens von anderen. Oder der Leere in sich selbst, die immer wieder gefüllt werden muss mit Neuem. Es kommt zu Entzugserscheinungen, wenn man versucht abstinent zu bleiben und hinzu kommen Schuldgefühle, weil man sein eigenes Verhalten nicht im Griff hat. Es kann zu Verschuldung und damit Partnerschaftskrisen oder Arbeitsplatzproblemen führen.

In unserer schnelllebigen, virtuell losgelösten, von vielen Seiten angetriggerten Welt ist es nicht immer leicht zu entscheiden, wieviel man selbst braucht oder eben nicht. So viel wird glücksversprechend an uns herangetragen, angepriesen, von Außen bewundert. Der Verzicht ist nicht der Freund unserer Zeit.

Nehmen wir noch die Bedingung hinzu, dass Stress und Verunsicherung in Beruf und Familie, Krisen in Partnerschaften und Unverbindlichkeit in flüchtigen Kontakten zunehmen, ist es kein Wunder, dass mancher zu einer Ersatz-Genugtuung greift und eventuell in einer Kaufsucht landet.

Nun schlage ich schon den Bogen zur Kaufsucht und dem Thema ‚Ersatzhandlung‘ – denn häufig ist es genau das. Ich kaufe, also bin ich Wer. Ich gönne mir etwas, mache mir selbst ein Geschenk. Kaufsucht gehört zu den nichtstofflichen Süchten, über die wenig gesprochen wird. Etwa zu 60% sind Frauen betroffen, vor allem im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. In einer Studie der Universität Hohenheim wird geschätzt, dass 9% der Bundesbürger kaufsüchtig und 23% kaufsuchtgefährdet sind. So viel zur Theorie.

Es spricht nichts dagegen, sich ab und an etwas zu gönnen – aber wenn Genugtuung und Befriedigung nur noch durch den Kick des Kaufens entstehen und gleichzeitig mit Schuldgefühlen kombiniert sind – wo ist dann der Sinn?

Süchte und Zwänge zeichnen sich dadurch aus, dass die Person kaum beziehungsweise nicht mehr in der Lage ist, Anfang und Menge oder Wiederholung des Sucht- oder Zwangsverhaltens zu kontrollieren. Vielleicht ist Widerstand da, aber dieser kann nicht lange aufrecht erhalten werden. Der Kauf muss getätigt werden, er geht einem nicht mehr aus dem Kopf und die Befriedigung des Bedürfnisses muss her. Der Glückszustand hält aber oft nicht lange her, also muss für Nachschub gesorgt werden. Sogar unser Hirn braucht diese Ersatzhandlung, um durch den Kick Glücksbotenstoffe zu erhalten.

Welches Bedürfnis aber ersetzt eine Sucht? Welches eigentliche Verhalten wird durch den Kaufzwang unterdrückt? In der Antwort auf diese Frage liegt häufig der Zugang zum Ursprung des Problems.

Manchmal ist es so, dass Frauen wie Männer schon sehr früh erfahren haben, dass Sie nur dann gesehen werden, wenn sie etwas Besonderes darstellen oder sind. Wenn Eltern ihre Kinder nur lieben, wenn sie sich brav oder besonders leistungsstark zeigen oder etwas Besonderes können, dann hinterlassen Sie eine Lücke in der Seele der Kinder, die sagt: Du wirst nicht deiner Selbst willen geliebt, sondern dann, wenn du etwas Besonderes bist. Das setzt unter Druck und dieses unter Druck stehen zieht sich fort bis in das Erwachsenenalter. Wenn das Selbstwert nicht hoch, das Selbstbewusstsein niedrig sind, liegen psychische Probleme nahe. Statt der Depression über Unerfülltes wird die Kaufsucht in Kauf genommen.

Ursachen sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst – der Ausweg ‚Einkaufen‘ der vermeintlich leichte.

Manchmal sind Menschen auch einfach nicht glücklich in ihrem jetzigen Leben. Sie wollen etwas anderes: mehr Sinn, eine andere Aufgabe, eine bessere Beziehung, weniger Stress. Gründe für Depressionen gibt es viele. Weil sie sich dem Thema aber nicht stellen wollen, schieben sie es zur Seite und die von-Innen-unerfüllte-Lücke wird befüllt mit Äußerlichkeiten. Statt der inneren Stimme zu folgen und das für sich ins Leben zu holen, was eigenwillig notwendig und erfüllend wäre, wird das leicht zugängliche Äußerliche gekauft. Das Depot an Zufriedenheit hält jedoch nicht lange und muss immer wieder von Außen befüllt werden – eingekauft werden.

Manchmal sehen Menschen keinen Sinn im Geld und wollen es einfach ausgegeben wissen. Kaufen statt Sparen – vielleicht eine Trotzreaktion gegen die Gesellschaft, die elterliche Prägung, als Abwehrhaltung und -Reaktion gegenüber der auf Reichtum ausgerichteten (Teil)Gesellschaft.

Mal angenommen es wäre so – was kann konkret im Fall einer Kaufsucht getan werden?
Wenn Betroffene lernen hinzuschauen und ihre ursprünglichen, in sich selbst verankerten Bedürfnisse erkennen und sich auf den Weg machen diese zu ernst zu nehmen und zu erfüllen – dann können Sie das Bedürfnis etwas zu kaufen langsam ablegen, dann kann sich auch eine Kaufsucht, ein ein Kaufzwang ändern. Glaubenssätze, Verhaltensmuster können Schritt für Schritt angeschaut werden, Bedürfnisse erkannt, Anspannung im Körper anders gelöst und Seelenlücken geheilt bzw. von Innen gefüllt werden. Das Schöne ist: Begibt man sich auf den Weg zu sich selbst, braucht man nicht mehr so viel von Außen. Manchmal ist es für die Betroffenen auch notwendig, sich eine Zeit lang Unterstützung in einer Klinik zu holen, um abstinent zu werden und ohne ihr Suchtverhalten klar zu kommen. Manchmal, nicht immer. Oft sind neben Psychotherapie auch Selbsthilfegruppen eine Unterstützung. Und wie der Name schon sagt: Wenn Betroffene lernen, sich wieder selbst zu helfen, dann tun sie auf andere Weise etwas für sich – und das Selbstbewusstsein kann zunehmen.

Fragen Sie sich vielleicht gerade: Was (be)fülle ich mit meinem Verhalten, was von Innen erfüllt werden will? Vertrauen Sie sich selbst und gehen Sie neue Wege. Ganz selbstentschieden.

Wege entstehen beim Gehen. Schritt für Schritt. 

Ihre Evelyn Richter-Schäfer

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