Trauer und Zeit im Herbst.

Verstehen. Zulassen. Nachholen.

Herbst.

Wenn die Tage kürzer werden und die Sonne nicht mehr so oft durch die Wolken blinzelt, sich ein grauer Schleier über der Herbstwelt ausbreitet, dann kommt auch unser Kopf zur Ruhe. Die Energie des Sommers zieht sich zurück in uns – und wir uns mit ihr. Dann kommen auch manchmal Erinnerungen und Gedanken an Menschen und Situationen in uns hoch, die nicht in das Sommerglück passen – sondern eher in die Herbstmelancholie. Die Trauer ist da. Manchmal ganz unvermittelt.

Wenn die Trauer kommt.

Selina ist eine junge Frau, deren Mutter im vergangenen Jahr unvermittelt gestorben ist. Ein plötzlicher Todesfall und ein Schock für die ganze Familie. Selina funktionierte gut damals: Sie kümmerte sich um die Trauerfeier, die Anzeige, die Behördengänge, die Trauerkarten, beantwortete Fragen von Verwandten und Freunden und tröstete ihre Geschwister und ihren Vater. Ihr blieb wenig Zeit zum Innehalten, für ihren eigenen Trauerprozess. Sie arbeitete weiter und kam irgendwie auch wieder in ihren Familienalltag. Aber irgendwas fehlte. Irgendwas war anders. Klar, ihre Mutter fehlte ihr, aber das ‚ist ja normal‘.

Ein Jahr später merkte Selina, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie war antriebslos, zog sich immer mehr zurück, konnte sich nicht mehr konzentrieren und wollte nur noch ihre Ruhe. Ruhe um – ja um wovor und wozu? Irgendwann fiel ihr auf, dass der Todestag ihrer Mutter kurz bevorstand und plötzlich begriff sie: Sie hatte bislang nur wenig getrauert um den Verlust.  Erst in einer Einzeltherapie kam Sie ihrer Trauer auf die Spur und konnte bewusst verarbeiten – und später in einer Paartherapie auch ihren Partner daran teilhaben lassen. So wie Selina es erlebt hat, so geht es vielen Menschen im Umgang mit Ihrer Trauer. Woher kommt der schwierige Umgang mit der Trauer?

In stiller Trauer: vom Zulassen und Nachholen.

Trauer und Traurigkeit haben wenig Platz in unserer Gesellschaft. Uh, da ist jemand in Trauer – wie soll ich dem oder derjenigen beistehen? Will ich das, kann ich das? Wir fragen, wie es dem anderen geht und hoffen, dass er ‚gut‘ antwortet. Oder so lala. Aber traurig? Uff, das ist kein Gefühl, mit dem wir gut umgehen können. Die Information ist persönlich, ja intim, irritierend, tief und damit schwer handhabbar im schnellen Alltag des Lebens. Wir drücken lediglich unser Beileid aus. Oder? Es kann auch anders aussehen: Trauer ruft auch Zuwendung und Unterstützung hervor von Freunden, Bekannten und sogar von Fremden. Kein Wegreden. Zuhören und herzliche, ruhige Worte des Mitgefühls (nicht des Mitleidens) und Angebote zum Reden begegnen uns. Können wir diese annehmen oder ist es andersrum – zu nah, zu intim, zu persönlich, zu überfordernd? Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Vielleicht ist die Trauer irgendwann im letzten Jahrhundert aus unserer Gesellschaft geschieden, weil nicht wirklich getrauert werden durfte. Still, ja – aber bekennend und im Dialog? Wenig. Unsere Großeltern und teilweise auch unsere Eltern haben sehr wohl gelernt, im und nach dem Krieg zu funktionieren. Verluste zu betrauern – dafür gab es wenig Platz. Partner, Väter, Freunde, Kinder starben im Krieg und gleichzeitig kämpfte man ums eigene Überleben. Überall. Manchmal wurde Trauer dann nachgeholt – später. Symbolisch. Und das ist gut so. Überall.

Das Nachholen können auch wir lernen. Unser Körper und unsere Seele brauchen die Trauer und auch den Trauerprozess.

5 Phasen der Trauer.

Elisabeth Kübler Ross und David Kessler gehören zu den bekanntesten und meistgelesenen Persönlichkeiten zum Thema Tod und Sterben.  Sie wussten und wissen, wie wichtig es ist, mit diesem Tabuthema zu brechen und helfen verstehen. Sie haben den Trauerprozess in 5 Schritte unterteilt, die ich hier kurz beschreiben möchte. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass Trauer ein Prozess ist, der nicht unbedingt stringent verläuft – sondern deren Phasen man immer wieder durchlaufen kann. Dafür gibt es auch keine zeitliche Begrenzung – manchmal geschieht das in einem Jahr, einem Monat oder ein paar Stunden, je nach Schwere und Bedeutung des Verlustes. Manchmal braucht man seine ganze Lebenszeit dafür.:

trauer

(nach Elisabeth Kübler-Ross & David Kessler)

Leugnen:

… bedeutet nicht, dass man nicht weiß, dass ein Mensch, ein Arbeitsplatz, ein Traum verloren gingen. Manchmal hört man dann ein ‚Das kann einfach nicht sein.‘Leugnen heisst in dem Moment, dass der Verlust des Verstorbenen scheinbar unbegreiflich ist und uns überfordert. Diese innere Abwehr schützt uns erstmal vor der Bedeutung der Trauer.

Wut:

… ist immer Teil der Trauer. Unter der Wut liegt der Zugang zum Schmerz. Wut ist demnach auch ein Schutz und hat viele Gesichter: Wut darüber, dass ein Mensch gegangen ist; darüber, dass wir es nicht verhindern konnten entlassen zu werden; darüber dass wir einer Krankheit erliegen (müssen). Diesen Zorn auszudrücken ist wichtig, weil er Teil des Heilungsprozesses ist. Auch Zorn hat in unserer Welt wenig Platz – wir haben Angst vor unserer Wut, weil sie maßlos erscheint und so viel Kraft hat. Vielleicht haben Sie Angst, nicht mehr herauszufinden aus ihrer Wut, wenn sie sich darauf einlassen. Dem ist nicht so. Auch Wut hat ihre Grenzen und Sie werden durchkommen, ihr Zorn wird sich abschwächen und ihre Trauer wird eine neue Form annehmen.

Verhandeln:

Wir möchten, dass die Welt wieder so ist, wie sie vorher war. ‚Hätte ich nur …‘ ‚Wenn ich nur …‘ und ‚Früher war alles besser …‘ sind wichtige Gedanken, die unserem Geist Zeit geben, die Realität ein Stück mehr annehmen zu können. Denn bei all dem Durchdenken und verhandeln kommen wir letztendlich immer wieder zur Realität zurück und so sickert diese Stück für Stück in unser Bewusstsein. In kleinen Schritten.

Depression:

Wenn wir den Verlust begriffen haben, dann ist sie ganz und gar in unserer Gegenwart. Diese Phase erscheint erstmal endlos. Die Depression der Trauer ist keine psychische Krankheit, vielmehr eine natürliche Reaktion auf einen Verlust. Das ist die Phase, in der das Umfeld eines Trauernden meist versucht, diesen aus der Trauer herauszuholen statt ihn zu begleiten. Auch wir selbst wollen da raus. Der Weg aus der Trauer geht aber immer durch die Trauer hindurch. ‚Laden Sie Ihre Depression ein, sich mit Ihnen an den Kamin zu setzen, und bleiben Sie bei ihr sitzen, ohne nach einem Fluchtweg Ausschau zu halten‘, so formulierte es E. Kübler-Ross in ‚Dem Leben neu vertrauen‘.  Und wenn sie keinen Kamin haben – suchen Sie sich einen guten Ort, um zu Trauern und der natürlichen Trauer-Depression Raum zu geben. Weil sie uns hilft, unser Leben neu zu sortieren und zu wachsen. Und sollte der Verdacht aufkommen, dass sie doch in eine schwere, dauerhafte Depression verfallen sind, nehmen Sie Hilfe an und in Anspruch.

Einwilligen:

…  heisst nicht, sang- und klanglos akzeptieren. Dafür ist zu viel passiert und das Geschehene zu wichtig. Einwilligen bedeutet vielmehr – annehmen, dass Veränderung stattfindet und langsam wieder das Leben selbst gestalten. Behutsam und mit einer neuen Erkenntnis von uns. Wir integrieren den Verlust, das Positive wie Negative in unser Leben hier und heute. Wir lernen mit dem und mit denen zu leben, die wir verloren haben.

Einwilligen kann auch heißen, dass wir uns wieder erlauben im Leben Fuß zu fassen und unsere Energie nicht mehr nur dem Verlust, sondern wieder dem Leben zuwenden. Und zwar ganz willentlich und selbstentschieden. Wir gehen wieder stärker in Beziehung zu uns selbst und unserem Umfeld. Wir lernen auch, diese Hinwendung zu unserem eigenen Leben nicht als Verrat am Verlust zu sehen.

Herbstzeit

Das Leben möchte gut gelebt werden, auch mit und nach der Trauer. Die Trauer gehört zum Leben wie der Herbst zum Jahresverlauf. Es ist eine Übergangszeit – der Veränderung, des Abschieds und der Stille. Eine wichtige Zeit.

Drum lassen Sie den Herbstnebel auch einmal zu sich rein, wenn er vor ihrer Tür steht. Gedenken Sie den Menschen, die sie geliebt haben und die verstorben sind; den Veränderungen, die sie durchlaufen haben und letztendlich auch dem Wachstum, der daraus entstanden ist. In Ihnen und ihrem Leben.

Wie schrieb Erich Kästner und nicht nur für Trauernde:

Sei traurig, wenn du traurig bist,
und steh nicht stets vor deiner Seele Posten!
Den Kopf, der dir ans Herz gewachsen ist,
wird’s schon nicht kosten.

(Erich Kästner – Mut zur Trauer)

Trauerarbeit und Trauerbegleitung können Ihnen in jeder Phase der Trauer helfen.: alles-du.de