Kaufsucht-verstehen

Kaufsucht verstehen. Einfach unwiderstehlich.

Die Gedanken kreisen nur um eines: dem nächsten Kauf. Nur noch ein Paar Schuhe, eine Uhr, ein dies oder jenes. Und wenn das nicht reicht? – das Internet bietet alles: Vierundzwanzig Stunden rund um die Uhr shoppen können. Für manche eine Möglichkeit, für andere ein inneres Muss. Doch was steckt dahinter?

„Also zum Schluss bin ich jeden Tag losgegangen in drei, vier, fünf Läden. Also da war mein Tag, auch wenn ich gearbeitet habe, hinterher ausgetickert bis sieben, acht Uhr. Also ich bin nicht zum Stillstand gekommen, weil ich am Tag mindestens so ein so’n Erlebnis haben musste.“(Zitat Deutschlandfunk)

Wann wird die Lust am Kaufen zur Kaufsucht?

Die meisten Süchte beginnen schleichend und werden langsam, über Jahre zum Zwang. Die Basis, häufig ein gering ausgeprägtes Selbstbewusstsein, wurde schon früh gelegt – jedoch gibt es oft ein auslösendes Ereignis, z.B.: ein Verlust, eine Lebensveränderung, die einen aus der Bahn werfen, Stress, zu viel innerer Druck in der Familie oder im Berufsleben, scheinbar unlösbare Konflikte oder auch Langeweile, Einsamkeit, Traurigkeit – ganz unterschiedlich und doch haben sie eines gemeinsam: den Wunsch danach, den inneren Schmerz loszubekommen, zu betäuben. Die Sehnsucht nach einem höheren Selbstwert und – nach Glück.

Eigentlich doch gar nicht verkehrt, die Sehnsucht nach dem Glück. Warum sie nicht einfach befriedigen? Darum geht es doch im Leben – den eigenen Sehnsüchten zu folgen, oder? Schwierig wird es dann, wenn wir die Befriedigung der Sehnsucht nach Außen verlagern, die Macht abgeben und somit süchtig werden nach ‚etwas‘. Manch einer greift zum Alkohol, ein anderer nach Zigaretten, wieder ein anderer entflieht dem Alltagsstress durch Computerspielen oder stundenlangem Surfen in Internet. Oder ein Mensch geht Shoppen, so richtig, weil er oder sie es sich verdient hat – immer und immer wieder. Das Einkaufen wird zum ‚Trostspender‘, zum kurzen Glücksmoment, zum Kick, der sich ins Hirn einbrennt – und irgendwann wiederholt werden will und muss – ohne es wirklich beeinflussen zu können, aber immer um sich wieder gut zu fühlen. Nur eines noch. Nur eins. Wenn es dem oder der Betroffenen das nächste Mal schlecht geht, erinnert sich der Körper an das Glücksgefühl vom Einkauf und es kommt ihm oder ihr in den Sinn – und schon kann die Suche von Neuem beginne: real in Geschäften oder surreal im rund um die Uhr geöffneten weltweiten Einkaufsparadies Internet. So entsteht ein Muster, das sich in das Gehirn einbrennt wie eine Autobahn – und immer wieder wiederholt werden will. Ein Teufelskreislauf, der oft erst nicht erkannt wird oder auch sehr häufig verleugnet wird. Letztendlich wird der Kauf zum Zwang und wird auch deshalb zu den Zwangsstörungen gezählt.

Grundsätzlich zeigt sich eine Kaufsucht dadurch, dass der oder die Betroffene:

  • Einen starken Wunsch, Impuls oder gar Zwang verspürt, einen Kauf zu tätigen
  • im Gedankenkarussel um das Thema Einkauf steckenbleibt
  • oft unnötig viele Waren gekauft werden, die teilweise nicht ausgepackt und dafür versteckt werden
  • Beginn, Beendigung und Menge der Kaufgegenstände nur noch eingeschränkt kontrollieren kann
  • Wiederholungszwang zeigt
  • Entzugssymptome spürt, wenn der Konsum reduziert oder eine Abstinenz probiert wird (innere Unruhe, schlechte Laune, Zwangsgedanken, Abwesenheit, körperliches Zittern, Schwitzen, körperliches und psychisches Verlangen / Zwang)
  • Vernachlässigung anderer Aktivitäten im Familien-, Sozial-, Arbeitslebens zugunsten des Einkaufs akzeptiert
  • Leugnung der Probleme gehören ebenso fast immer zu Suchtverhalten wie Notlügen oder Bagetellisierung
  • Hohes Risiko der Verschuldung
  • sozialer Rückzug, Kontaktabbruch

Kaufsucht gehört zu den nicht stoffgebundenen Süchten.

Was nicht stoffgebunden heisst? Nun, dem Körper wird keine physisch oder psychisch wirksame, zuführbare Droge, wie Alkohol, Zigaretten oder andere Rauschmittel gegeben, sondern es ist ein Verhalten, das immer wieder wiederholt werden muss, um Befriedigung zu erfahren. Dazu gehören zum Beispiel auch Computerspielen oder Internetnutzung. Ähnlich wie bei den stoffgebundenen Süchten wird das gewählte Verhalten zu einem unbeherrschbaren, wiederkehrenden Verlangen – es kontrolliert den oder die Betroffene und andere Aktivitäten treten in den Hintergrund, werden nebensächlich. Oft werden Notlügen erfunden, oft kommt es im Fall der Kaufsucht zu Überschuldung und hat somit tiefgreifende Auswirkungen auf Sozial-, Familien- und Berufsleben.

Etwa jeder 20. ist von Kaufsucht betroffen

Ganz genau beziffern lässt es sich nicht, wieviele Menschen von Kaufsucht betroffen sind – die Schätzungen für Deutschland liegen bei fünf bis acht Prozent (2015). Häufig wird die Sucht bagatellisiert, nicht ernst genommen oder geht einher mit anderen psychischen Störungen wie einer Depression und verstecken sich daher hinter etwas anderem. Offiziell anerkannt oder gar klassifiziert wurde Kaufsucht oder Kaufzwang jedenfalls noch nicht. Im ICD-10 wird diese Sucht nicht beschrieben, was eine Diagnostizierung unmöglich macht und eine Bezifferung schwer. Nicht immer führt die Kaufsucht auch zur Verschuldung, manchmal können Betroffene ihre Sucht gerade noch so unter Kontrolle halten.

Gesellschaftlicher Konsumdruck und Selbstwert

‚Kaufsucht ist ein kulturspezifischer Verhaltensexzess, der fast ausschließlich in Industrieländern mit kapitalistischen Wirtschaftssystemen zu beobachten ist.‘ (Quelle)

Das heisst, der gesellschaftliche Druck dazuzugehören, Shopping als Zeichen für Wohlstand, ständiger Anreiz zum Konsum – all das kann dazu beitragen, dass der Zwang zu kaufen entzündet oder verstärkt werden.

Gerade bei sozial ängstlichen Menschen oder Menschen mit eher geringem Selbstwertgefühl besteht häufig das Bedürfnis, das hilflose Gefühl der Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Anerkennung durch etwas Äußeres zu kompensieren. Zum Beispiel durch die neuen Schuhe oder brandaktuelle Uhr, für die man dann Komplimente erhält. Häufig ist es kombiniert mit einer gering ausgeprägten Impuls- und Selbstkontrolle. Gerade bei letzterem bewegt man sich auf sehr persönlichem Bereich und dieser ist so individuell wie die Menschen unterschiedlich sind. Nicht zuletzt werden und wurden auch neurobiologische Prozesse untersucht, um mehr über Auslöser und Hintergründe dieser Suchtform zu erfahren – eine eindeutige Zuordnung ist jedoch schwer.

Was hilft bei Kaufsucht?

Es braucht einen starken Willen, um dem Impuls zum Suchtmittel zu widerstehen und das gilt ein Leben lang. Auch das haben der Großteil der Süchte gemeinsam. Viele Kaufsüchtige erleben immer wieder Rückfälle, kaufen bei der nächstbesten Gelegenheit oder wenn sie Bargeld zur Verfügung haben wieder ein statt Schulden zu begleichen. Wie kommt das?

„Das, was ich mir gekauft habe, ist wie ein Stück Seele, das ich mir gekauft habe – ein Stück heile Welt.“ (Zitat aus 37 Grad)

Häufig wird, wie anfangs bereits beschrieben, mit der Sucht eine innere Leere, eine scheinbar unstillbare Sehnsucht befüllt, die allein aus sich heraus nicht gefüllt werden kann. Der eigene Wert, das eigene Selbstbewusstsein oder die eigene Selbständigkeit sind oftmals so gering, dass sie nicht von Innen heraus gefüllt werden – und so kommt die ‚Hilfe‘ von Außen gerade recht. Ein Kauf, ein Kick, ein Kompliment für das neu gekaufte Teilchen – und schon fühlt Mann oder Frau sich besser. Jedoch nur kurz, denn danach kommt häufig das schlechte Gewissen oder Schuldgefühl, das dann wieder betäubt werden will.

Oft hilft eine Kombination aus Einzel- und Gruppentherapie sowie eine Schuldnerberatung, um den eigenen Themen auf die Spur und der Sucht Herr zu werden. Eine Schuldnerberatung wird häufig notwendig , um dem finanziellen Durcheinander wieder eine Struktur zu geben.

Informationen und Kontakte zu Gruppentherapeutische Angeboten findet man im Nürnberger Raum bei der Stadtmission Nürnberg. Grundsätzlich kann man auch eine stationäre Therapie machen, um der Sucht gerade am Anfang der Bewältigung genauer auf den Grund zu gehen. In den Selbsthilfegruppe findet man im Gespräch mit anderen Betroffenen zum einen Ermutigung, ehrliche Gespräche über Rückfälle, Gedanken und Gefühle und Austausch über wirksame Alternativen.

In der Einzeltherapie geht es vor allem um zwei Dinge: einmal der Betrachtung der aktuellen Auslöser und dem Umgang mit den Suchtmomenten, in denen die Impulse schwer kontrollierbar werden. Es geht darum, den Teufelskreislauf genau zu verstehen und Schritt für Schritt zu verändern. Gleichzeitig geht es auch darum zu verstehen, woher das geringe Selbstwertgefühl und die schier unstillbare Sehnsucht nach Mehr von Außen herkommt. Ziel ist es, den Selbstwert wieder in die eigene Hand und den eigenen Handlungsspielrsum zu bringen. Langsam. Schritt für Schritt. Beides, die eigene Lebensgeschichte und das aktuelle Geschehen, werden miteinander in Verbindung gebracht.

In einer Therapie wird eine eventuelle Schuldensituation zwar thematisch berücksichtigt, sinnvoll ist es jedoch, eine Schuldnerberatung in Anspruch zu nehmen und sich konkret und mit einem Maßnahmenplan beraten und begleiten zu lassen. Auch anwaltliche Hilfe ist nicht ausgeschlossen, um mit Gläubigern im Gespräch zu bleiben.

Allem gemeinsam hilft eines: eine grundlegende Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.

‚Wir haben zugegeben, dass wir Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten.‘ – ist das erste Bekenntnis im 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkholiker (AA), dem manch andere Selbsthilfegruppe ebenso folgt und zu Recht: Erst das Eingeständnis, dass das eigene Leben von der Sucht und nicht von einem selbst gelenkt wird, erst diese ‚Kapitulation‘ führt im besten Fall zur entscheidenden Wende im Leben eines Kaufsüchtigen und dem Weg zu einem anderen Glück: dem Inneren.

Zwei sehr guten Beitrag zum Thema Kaufsucht von 37 Grad finden in diesem ersten und zweiten Teil.

Weiterlesen zum Thema: ‚Geborgenheit im Leben‘ und ‚Bedürfnisse und Grenzen‘.

Es gibt immer einen weg raus aus der Krise. Fangen Sie an!

 

Psychotherapie-verstehen-und-einen-Therapeuten-finden

#5: Was passiert in einer Psychotherapie? Bin ich verrückt, wenn ich einen Psychotherapeuten brauche? Nein, natürlich nicht. Manchmal gibt es Krisensituationen oder berufliche oder partnerschaftliche Konflikte, die bringen einen Menschen in so eine Notsituation, dass er oder sie eine Zeit lang eine Begleitung ‚raus aus der Krise‘ braucht. Leider liegt immer noch ein gewisses Tabu auf dem Thema Therapie und auch Unwissenheit darüber, was eigentlich in einem therapeutischen Prozess so passieren kann – sofern man das möchte und anstrebt.

Was passiert in einem Psychotherapie-Prozess?

Wie kann man sich das vorstellen ohne Angst und Scheu davor zu haben? Weshalb geht der Weg aus dem Schmerz manchmal nur durch den Schmerz hindurch und wie kann ein Therapeut dabei eine gute Begleitung sein? – darüber spreche ich in dieser Folge auch aus eigener Erfahrung. In einer Psychotherapie steckt also kein Versagen, sondern ein ganz klarer, kraftvoller Wunsch nach Veränderung, etwas Neuem und eine Sehnsucht nach einem guten Leben.

Wie findet man einen Therapeuten, der zu einem passt?

Diese Frage ist insbesondere in einer Krisensituation nicht einfach zu beantworten und umso wichtiger: Denn der Therapeut oder die Therapeutin, der einen eine Zeit lang durch eine Krise begleiten darf, der Einblicke in das eigene Leben erhält, den gilt es sorgfältig auszuwählen. Auch darum geht es in dieser Episode.

 

Themenbeispiele Einzeltherapie

Themenbeispiele Paartherapie.

 

Depression und männlicher Suizid zum Nachlesen

Depression und der männliche Suizid.

Aufruf zum Überschreiten eines gesellschaftlichen Tabus!

Heute widme ich mich einem starken Thema im Rahmen meiner Episoden zu ‚Depressionen‘– stark deshalb, weil es ein starkes Tabu gegenüber Männern mit Depressionen gibt und stark auch deshalb, weil alles, was ich dazu herausgefunden habe, mich wirklich stark bewegt hat.

Vielleicht fragt ihr euch: Wieso nenne ich diese Episode ‚der männliche Suizid‘? Das möchte ich gleich mal am Anfang erklären.

Psychisches Leiden bei Männern ist immer noch ein großes Tabu. Wie komme ich zu der Überzeugung? Das kann man nachlesen: Die Deutschen Krankenkassen veröffentlichen alljährlich (kostenlos und für jedermann zugänglich) s.g. Gesundheitsreports. Darin steht unter anderem, woran die Kassenpatienten leiden, was von Ärzten diagnostiziert wird und auch, welche Unterschiede es zwischen Männern und Frauen gibt.

Krankschreibungen auf Grund von Depressionen, haben in den vergangenen Jahren kontinulierlich zugenommen. Das ist so weit nichts Neues, das liest oder hört man auch immer mal wieder in den Medien. Deutlich hervorgehoben wurde in dem von der DAK herausgegebenen Gesundheitsreport 2015, dass mehr Frauen Depression diagnostiziert bekommen als Männer. Die Verteilung liegt bei ungefähr 2/3 zu 1/3.

Während Frauen also eher Depressionen diagnostiert bekommen, stehen bei Männer hingegen eher körperliche Symptome im Vordergrund der Diagnosen (genauer: Rücken, Herz-/Kreislauferkrankungen) und bei ihnen wird eher Alkoholismus diagnostiziert.

Nun gibt es eine weitere Veröffentlichung des Deutschen Bundesamtes für Statistik, das mir im gleichen Zeitraum in die Hände gefallen ist – darin geht es um Suizid in Deutschland und wie sich das auf die Geschlechter verteilt. Wenn man da reinschaut, fällt umgehend auf, dass ¼ der Suizide Frauen betrifft und ¾ Männer. Frauen führen die Statistik im Bereich Suizidversuche (quasi als ‚Notruf‘ an ihr Umfeld) –  während eher Männer den klaren, endgültigen, dialoglosen Suizid wählen. Nun ist die Zahl der Suizidfälle in Relation zur Gesamtbevölkerung in Deutschland nicht hoch – aber dieser ‚männliche Suizid‘ ging mir irgendwie nicht aus dem Kopf.

Und was noch dazukommt und mich wirklich verblüfft hat: Bayern – DAS Bundesland des Wohlstandes, des Erfolgs, der Lebenskultur, des fröhlichen Beisammenseins im Biergarten – führt die Suizidstatistik in Deutschland an? Hm. Irgendwie ging das für mich nicht zusammen und so habe ich mich mal gefragt:

Wie kommt es, dass bei Männern eine Depression häufig verkannt oder zumindest nicht sehr häufig diagnostiziert wird – und warum?

In meiner heutigen Folge möchte ich mich folgenden Schwerpunkten widmen:

–          Was sind mögliche gesellschaftliche Gründe, weshalb männliche Depression vermutlich öfter verkannt wird?

–          Welche Symptome gibt es vor einem Suizid, die man im Umfeld erkennen könnte?

–          Was ist wichtig für Angehörige und Freunde, wenn der Verdacht auf Suizid besteht?

Vielleicht ist euch ja auch eine der folgenden Äußerungen geläufig:

–          ‚Sei ein Mann‘

–          ‚Sei keine Memme!‘

–          ‚Männer / Jungs weinen nicht!‘ / ‚Heul nicht rum!‘

–          ‚Was hast du? Einen Männerschnupfen?‘

Diese und andere flapsige Bemerkungen und Scherze sind nicht nur lustig – sondern drücken auch unsere gesellschaftliche Erwartung und Haltung gegenüber Männern und Ihrem Ausdruck ihres eigenen Leidens aus. Nämlich, dass es nicht stattfinden soll. Klar, heutzutage achten wir in der Erziehung unserer Kinder vermutlich schon viel stärker darauf, dass auch Jungs weinen dürfen, ihre Gefühle äußern und sich anlehnen können. Und die Väter? Akzpetieren wir es da auch? Leben sie es ihren Söhnen vor auch mal Schwäche zu zeigen und zu sagen – ‚Mir geht es gerade gar nicht gut!‘ ‚Ich brauche Hilfe!‘ Das heisst für mich, Schwäche zu zeigen wird Männern per se gesellschaftlich noch nicht zugestanden. Ein richtiges Tabu. Und das kommt eben auch in solchen Sprüchen zum Ausdruck.

Was bewirkt denn das nun, wenn ein Junge und späterer Mann solche Aussagen immer wieder hört?

Es sagt ihm indirekt:

–          Unterdrücke deine Gefühle! Wenn du sie zeigst, erntest du Spott.

–          Teile dich bloß nicht mit! – Du wirst eh nicht ernst genommen.

–          Wenn du Schwäche zeigst, wirst du ausgelacht!

Ich sag immer: Unterdrückte Gefühle und Bedürfnisse finden ihren Weg in den Körper. Wenn ich also ein Bedürnis nicht zulasse, dann staut es sich irgendwo an. Eine Vermutung, die sehr naheliegt, wenn man die diagnostizierten Krankheiten bei Männern anschaut, ist die, dass sie ihre Überforderung eher mit sich selbst ausmachen und dann zeigen sich körperliche Beschwerden wie Rückenprobleme oder auf das Herz-Kreislauf-System macht schlapp. Kann sein, muss nicht – liegt aber bei diesem Thema irgendwie sehr nahe.

Und so kommt es vielleicht auch dazu, dass Männer eine ‚handfeste‘ Diagnose wie Rücken, Herz oder Lunge bevorzugen gegenüber der Diagnose ‚da stimmt seelisch etwas nicht mit dir‘. Andererseits könnten eben diese gesellschaftlichen Prägungen mit Grund dafür sein, dass Ärzte die männliche Depression zu wenig im Blick haben in Verbindung mit körperlichen Beschwerden. Irgendwie liegt das für mich sehr nahe beeinander.

Zeigen Männer nun eigentlich die gleichen Symptome einer Depression oder gibt es da noch etwas?

Männer zeigen grundsätzlich die gleichen Symptome einer Depression doch es kommen noch ein paar markant männliche hinzu.

Einerseits wehren Männer Symptome wie Traurigkeit, Antrieblosigkeit erstmal ab. Sie ziehen sich sehr viel stärker zurück als Frauen, vernachlässigen Hobbies, ihren Körper, ihren Gesamtzustand und das wird häufig im Umfeld verkannt. Die Nachfragen werden grummelig oder gar agressiv abgewährt – ein bei Männern eher akzeptiert als ‚starkes‘ Verhalten.

Teilweise entwickeln Männer aber auch eine Art Hyperaktivität: betreiben exzessiv Sport, widmen massiv der Arbeit, werden onlinesüchtig, sexsüchtig, trinken mehr Alkohol. Und wieder – auch das wird bei Männern irgendwie eher als ‚Arbeitstier‘ oder ‚na gut, mal n paar Feierabendbiere mehr‘ abgetan und im Umfeld angenommen.

Das Verrückte ist: Depressionen gelten heute im Allgemeinen als gut behandelbar, wenn man sich dem Thema widmet. Unerkannt und nicht behandelt können sie jedoch im schlimmsten Fall im Suizid münden, womit wir bei dem Hauptthema wären.

Wann besteht denn nun Suizidgefahr?

In den wenigsten Fällen kommt es zu Spontansuiziden. Häufig geht dem Suizid eines Menschen eine längere Phase voran. In der Psychologie gibt es zwei Modelle, die suizidale Phasen beschreiben und eine davon (nach Pöldinger) möchte ich kurz beschreiben. Pöldinger beschreibt 3 Phasen, die duchlaufen werden:

Die Erwägungsphase, in welcher der Suizid als Ausweg in Erwägung gezogen wird

Die Ambivalenzphase, in der der Betroffene zwischen Leben und Todeswunsch hin und hergerissen ist und auch starke Stimmungsschwankungen zeigt, sich eventuell auch zaghaft nach Außen wendet und um Hilfe bittet oder so wütende Äußerungen kommen wie ‚Ach, das macht doch alles keinen Sinn mehr, das ist doch alles sinnlos.‘

Die Entschlussphase – quasi die Ruhe vor dem Sturm, in der alles scheinbar wieder in Ordnung ist, der Betroffene aber teilweise gezielt ‚Abschiedshandlungen‘ durchführt, sei es das Verschenken von Sachen, Vererben, versöhnliche Gespräche o.ä.. und seinen Suizid vorbereitet.

Wenn die geschilderten Symptome einer Depression in Kombination mit den suizidalen Phasen erkannt werden –

Was kann das Umfeld konkret tun für einen Suizidgefährdeten und sich selbst?

–          Sprechen Sie das Thema ‚Suizid‘ offen an. Entgegen geläufiger Meinung reduziert das die Suizidgefahr! Betroffenen können teils richtig erleichter sein, wenn sie endlich über Ihre Misere sprechen können. Nehmen Sie die Anzeichen ernst und treten sie auch mit dieser Haltung demjenigen entgegen.

–          Fragen Sie konkret nach: Hast du schon mal darüber nachgedacht, dir das Leben zu nehmen? Wie würdest du das tun? Wo würdest du das tun? Je konkreter die Pläne, desto höher die Suizidbereitschaft. Finden Sie heraus, wo derjenige steht.

–          Hören Sie zu – ohne Wertung, ohne Ratschläge – und vor allem ohne ‚Aber warum?!‘ schaffen sie einfach ein vertrauensvolles Umfeld.

–          Motivieren und begleiten Sie die Person dazu, zum Arzt zu gehen. Notfalls machen Sie einen Termin bei einem Arzt aus. Häufig fehlt Betroffenen die Kraft und der Wille, sich ärztliche Fürsorge zu holen – nach dem Motto ‚Das hat doch eh keinen Zweck‘.

–          Ein Arzt kann notfalls bei akuter Suizidgefahr in seiner ärztlichen Verantwortung handeln und schützende Schritte einleiten. Geben Sie diese Verantwortung an einen Arzt ab und begleiten Sie einen Betroffenen so weit sie können.

–          Und falls der- oder diejenige nicht zum Arzt mächten, Sie aber dringenden Verdacht haben auf Suizidgefahr – rufen Sie die Polizei oder den Notdienst. Hier ist Gefahr in Verzug.

–          Und für sich selbst: Holen Sie sich im Zweifelsfall auch seelische Unterstützung – sprechen Sie mit vertrauenswürdigen Freunden oder erwachsenen Familienmitgliedern über ‚diesen Schreck‘ und ihr Erleben, rufen Sie selbst auch die Telefonseelsorge an (Telefonnummer vermerke ich) oder wenden Sie sich an einen Psychiater oder Psychotherapeuten für eine kurze Begleitung.

Nicht immer kann man Suizid verhindert und die Eigenhandlung ist nicht Schuld des Umfeldes.

Pfuuuh – starkes Thema, nicht wahr? Und gleichzeitig  so wichtig und so weit muss es ja auch nicht kommen, wenn – Männer oder Frauen – sich ihren seelischen Nöten widmen.

 

 

Was heisst das alles in allem für Männer und ihre Seelenthemen?

–          Tja, allem voran: Nimm dich in deiner seelischen Not oder Überforderung ernst. Niemand sonst kann das besser für dich tun als du selbst. Mach dir die Risiken bewusst, wenn du deine innere Not nicht ernst nimmst.

–          Auch, wenn du gerade nicht weiter weisst: Sag ja zum Leben! Lasst es nicht so weit kommen, dass seelische Probleme euer Leben beendet. Dein Leben ist wertvoll. Du bist wertvoll. Niemand ist auf die Welt gekommen, damit er oder sie sich aktiv das Leben nimmt.

–          Und deshalb: Holt euch Unterstützung. Gerade wenn gesellschaftliche Vorbilder fehlen, tut es gut, sich Rückendeckung zu holen, um eigene Wege gehen zu können.

–          Hinterfragt eure eigenen Glaubenssätze Prägungen und Antreiber und widmet euch eurer seelischen Gesundheit.

Letztendlich ist es mein Aufruf zur Emanzipation der Männer. Emanzipiert euch gegenüber den gesellschaftlichen Normen und Anforderungen, die euch zum ‚Funktionieren‘ zwingen wollen. Dafür viel Mut!

Informationen zum Thema und weitere Hilfsangebote findet ihr unter:

https://www.deutsche-depressionshilfe.de/

Erste Hilfe und Rat erhaltet ihr bei der Seelsorge unter 0800 1110111 oder der Nummer gegen Kummer 116 111.

Ihr erreicht mich unter alles-du.de und auf fb und Xing bin ich auch erreichbar.

Vielen Dank für’s Zuhören! Über eine Bewertung bei iTunes würde ich mich freuen und ich wünsche viel Mut und Kraft für euren Weg in Leben, Liebe, Beruf und Familie. Eure Evelyn Richter-Schäfer