Kaufsucht Kaufzwang verstehen

Kaufsucht-verstehen

Kaufsucht verstehen. Einfach unwiderstehlich.

Die Gedanken kreisen nur um eines: dem nächsten Kauf. Nur noch ein Paar Schuhe, eine Uhr, ein dies oder jenes. Und wenn das nicht reicht? – das Internet bietet alles: Vierundzwanzig Stunden rund um die Uhr shoppen können. Für manche eine Möglichkeit, für andere ein inneres Muss. Doch was steckt dahinter?

„Also zum Schluss bin ich jeden Tag losgegangen in drei, vier, fünf Läden. Also da war mein Tag, auch wenn ich gearbeitet habe, hinterher ausgetickert bis sieben, acht Uhr. Also ich bin nicht zum Stillstand gekommen, weil ich am Tag mindestens so ein so’n Erlebnis haben musste.“(Zitat Deutschlandfunk)

Wann wird die Lust am Kaufen zur Kaufsucht?

Die meisten Süchte beginnen schleichend und werden langsam, über Jahre zum Zwang. Die Basis, häufig ein gering ausgeprägtes Selbstbewusstsein, wurde schon früh gelegt – jedoch gibt es oft ein auslösendes Ereignis, z.B.: ein Verlust, eine Lebensveränderung, die einen aus der Bahn werfen, Stress, zu viel innerer Druck in der Familie oder im Berufsleben, scheinbar unlösbare Konflikte oder auch Langeweile, Einsamkeit, Traurigkeit – ganz unterschiedlich und doch haben sie eines gemeinsam: den Wunsch danach, den inneren Schmerz loszubekommen, zu betäuben. Die Sehnsucht nach einem höheren Selbstwert und – nach Glück.

Eigentlich doch gar nicht verkehrt, die Sehnsucht nach dem Glück. Warum sie nicht einfach befriedigen? Darum geht es doch im Leben – den eigenen Sehnsüchten zu folgen, oder? Schwierig wird es dann, wenn wir die Befriedigung der Sehnsucht nach Außen verlagern, die Macht abgeben und somit süchtig werden nach ‚etwas‘. Manch einer greift zum Alkohol, ein anderer nach Zigaretten, wieder ein anderer entflieht dem Alltagsstress durch Computerspielen oder stundenlangem Surfen in Internet. Oder ein Mensch geht Shoppen, so richtig, weil er oder sie es sich verdient hat – immer und immer wieder. Das Einkaufen wird zum ‚Trostspender‘, zum kurzen Glücksmoment, zum Kick, der sich ins Hirn einbrennt – und irgendwann wiederholt werden will und muss – ohne es wirklich beeinflussen zu können, aber immer um sich wieder gut zu fühlen. Nur eines noch. Nur eins. Wenn es dem oder der Betroffenen das nächste Mal schlecht geht, erinnert sich der Körper an das Glücksgefühl vom Einkauf und es kommt ihm oder ihr in den Sinn – und schon kann die Suche von Neuem beginne: real in Geschäften oder surreal im rund um die Uhr geöffneten weltweiten Einkaufsparadies Internet. So entsteht ein Muster, das sich in das Gehirn einbrennt wie eine Autobahn – und immer wieder wiederholt werden will. Ein Teufelskreislauf, der oft erst nicht erkannt wird oder auch sehr häufig verleugnet wird. Letztendlich wird der Kauf zum Zwang und wird auch deshalb zu den Zwangsstörungen gezählt.

Grundsätzlich zeigt sich eine Kaufsucht dadurch, dass der oder die Betroffene:

  • Einen starken Wunsch, Impuls oder gar Zwang verspürt, einen Kauf zu tätigen
  • im Gedankenkarussel um das Thema Einkauf steckenbleibt
  • oft unnötig viele Waren gekauft werden, die teilweise nicht ausgepackt und dafür versteckt werden
  • Beginn, Beendigung und Menge der Kaufgegenstände nur noch eingeschränkt kontrollieren kann
  • Wiederholungszwang zeigt
  • Entzugssymptome spürt, wenn der Konsum reduziert oder eine Abstinenz probiert wird (innere Unruhe, schlechte Laune, Zwangsgedanken, Abwesenheit, körperliches Zittern, Schwitzen, körperliches und psychisches Verlangen / Zwang)
  • Vernachlässigung anderer Aktivitäten im Familien-, Sozial-, Arbeitslebens zugunsten des Einkaufs akzeptiert
  • Leugnung der Probleme gehören ebenso fast immer zu Suchtverhalten wie Notlügen oder Bagetellisierung
  • Hohes Risiko der Verschuldung
  • sozialer Rückzug, Kontaktabbruch

Kaufsucht gehört zu den nicht stoffgebundenen Süchten.

Was nicht stoffgebunden heisst? Nun, dem Körper wird keine physisch oder psychisch wirksame, zuführbare Droge, wie Alkohol, Zigaretten oder andere Rauschmittel gegeben, sondern es ist ein Verhalten, das immer wieder wiederholt werden muss, um Befriedigung zu erfahren. Dazu gehören zum Beispiel auch Computerspielen oder Internetnutzung. Ähnlich wie bei den stoffgebundenen Süchten wird das gewählte Verhalten zu einem unbeherrschbaren, wiederkehrenden Verlangen – es kontrolliert den oder die Betroffene und andere Aktivitäten treten in den Hintergrund, werden nebensächlich. Oft werden Notlügen erfunden, oft kommt es im Fall der Kaufsucht zu Überschuldung und hat somit tiefgreifende Auswirkungen auf Sozial-, Familien- und Berufsleben.

Etwa jeder 20. ist von Kaufsucht betroffen

Ganz genau beziffern lässt es sich nicht, wieviele Menschen von Kaufsucht betroffen sind – die Schätzungen für Deutschland liegen bei fünf bis acht Prozent (2015). Häufig wird die Sucht bagatellisiert, nicht ernst genommen oder geht einher mit anderen psychischen Störungen wie einer Depression und verstecken sich daher hinter etwas anderem. Offiziell anerkannt oder gar klassifiziert wurde Kaufsucht oder Kaufzwang jedenfalls noch nicht. Im ICD-10 wird diese Sucht nicht beschrieben, was eine Diagnostizierung unmöglich macht und eine Bezifferung schwer. Nicht immer führt die Kaufsucht auch zur Verschuldung, manchmal können Betroffene ihre Sucht gerade noch so unter Kontrolle halten.

Gesellschaftlicher Konsumdruck und Selbstwert

‚Kaufsucht ist ein kulturspezifischer Verhaltensexzess, der fast ausschließlich in Industrieländern mit kapitalistischen Wirtschaftssystemen zu beobachten ist.‘ (Quelle)

Das heisst, der gesellschaftliche Druck dazuzugehören, Shopping als Zeichen für Wohlstand, ständiger Anreiz zum Konsum – all das kann dazu beitragen, dass der Zwang zu kaufen entzündet oder verstärkt werden.

Gerade bei sozial ängstlichen Menschen oder Menschen mit eher geringem Selbstwertgefühl besteht häufig das Bedürfnis, das hilflose Gefühl der Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Anerkennung durch etwas Äußeres zu kompensieren. Zum Beispiel durch die neuen Schuhe oder brandaktuelle Uhr, für die man dann Komplimente erhält. Häufig ist es kombiniert mit einer gering ausgeprägten Impuls- und Selbstkontrolle. Gerade bei letzterem bewegt man sich auf sehr persönlichem Bereich und dieser ist so individuell wie die Menschen unterschiedlich sind. Nicht zuletzt werden und wurden auch neurobiologische Prozesse untersucht, um mehr über Auslöser und Hintergründe dieser Suchtform zu erfahren – eine eindeutige Zuordnung ist jedoch schwer.

Was hilft bei Kaufsucht?

Es braucht einen starken Willen, um dem Impuls zum Suchtmittel zu widerstehen und das gilt ein Leben lang. Auch das haben der Großteil der Süchte gemeinsam. Viele Kaufsüchtige erleben immer wieder Rückfälle, kaufen bei der nächstbesten Gelegenheit oder wenn sie Bargeld zur Verfügung haben wieder ein statt Schulden zu begleichen. Wie kommt das?

„Das, was ich mir gekauft habe, ist wie ein Stück Seele, das ich mir gekauft habe – ein Stück heile Welt.“ (Zitat aus 37 Grad)

Häufig wird, wie anfangs bereits beschrieben, mit der Sucht eine innere Leere, eine scheinbar unstillbare Sehnsucht befüllt, die allein aus sich heraus nicht gefüllt werden kann. Der eigene Wert, das eigene Selbstbewusstsein oder die eigene Selbständigkeit sind oftmals so gering, dass sie nicht von Innen heraus gefüllt werden – und so kommt die ‚Hilfe‘ von Außen gerade recht. Ein Kauf, ein Kick, ein Kompliment für das neu gekaufte Teilchen – und schon fühlt Mann oder Frau sich besser. Jedoch nur kurz, denn danach kommt häufig das schlechte Gewissen oder Schuldgefühl, das dann wieder betäubt werden will.

Oft hilft eine Kombination aus Einzel- und Gruppentherapie sowie eine Schuldnerberatung, um den eigenen Themen auf die Spur und der Sucht Herr zu werden. Eine Schuldnerberatung wird häufig notwendig , um dem finanziellen Durcheinander wieder eine Struktur zu geben.

Informationen und Kontakte zu Gruppentherapeutische Angeboten findet man im Nürnberger Raum bei der Stadtmission Nürnberg. Grundsätzlich kann man auch eine stationäre Therapie machen, um der Sucht gerade am Anfang der Bewältigung genauer auf den Grund zu gehen. In den Selbsthilfegruppe findet man im Gespräch mit anderen Betroffenen zum einen Ermutigung, ehrliche Gespräche über Rückfälle, Gedanken und Gefühle und Austausch über wirksame Alternativen.

In der Einzeltherapie geht es vor allem um zwei Dinge: einmal der Betrachtung der aktuellen Auslöser und dem Umgang mit den Suchtmomenten, in denen die Impulse schwer kontrollierbar werden. Es geht darum, den Teufelskreislauf genau zu verstehen und Schritt für Schritt zu verändern. Gleichzeitig geht es auch darum zu verstehen, woher das geringe Selbstwertgefühl und die schier unstillbare Sehnsucht nach Mehr von Außen herkommt. Ziel ist es, den Selbstwert wieder in die eigene Hand und den eigenen Handlungsspielrsum zu bringen. Langsam. Schritt für Schritt. Beides, die eigene Lebensgeschichte und das aktuelle Geschehen, werden miteinander in Verbindung gebracht.

In einer Therapie wird eine eventuelle Schuldensituation zwar thematisch berücksichtigt, sinnvoll ist es jedoch, eine Schuldnerberatung in Anspruch zu nehmen und sich konkret und mit einem Maßnahmenplan beraten und begleiten zu lassen. Auch anwaltliche Hilfe ist nicht ausgeschlossen, um mit Gläubigern im Gespräch zu bleiben.

Allem gemeinsam hilft eines: eine grundlegende Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.

‚Wir haben zugegeben, dass wir Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten.‘ – ist das erste Bekenntnis im 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkholiker (AA), dem manch andere Selbsthilfegruppe ebenso folgt und zu Recht: Erst das Eingeständnis, dass das eigene Leben von der Sucht und nicht von einem selbst gelenkt wird, erst diese ‚Kapitulation‘ führt im besten Fall zur entscheidenden Wende im Leben eines Kaufsüchtigen und dem Weg zu einem anderen Glück: dem Inneren.

Zwei sehr guten Beitrag zum Thema Kaufsucht von 37 Grad finden in diesem ersten und zweiten Teil.

Weiterlesen zum Thema: ‚Geborgenheit im Leben‘ und ‚Bedürfnisse und Grenzen‘.

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